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2012
Für ein Gymnasium der zwei Geschwindigkeiten. G8: Die richtigen Reformen jetzt schnell umsetzen.
Martin Güll: Wir wollen den Schülern die Zeit geben, die sie zur Vorbereitung auf das Abitur brauchen.
Wer das achtjährige Gymnasium besser machen will, muss Verbesserungen für die Schülerinnen und Schüler erreichen - und dies ganz schnell. Denn sehr hoch waren die Durchfallquoten kürzlich beim schriftlichen Abitur: mancherorts mehr als 10 Prozent. Am Ende haben 3,7 Prozent der Prüflinge das Abi nicht bestanden. Zu Zeiten des G9 war es zuletzt noch 1 Prozent. Der Kultusminister ist aber nach wie vor nicht bereit, die richtigen Lehren daraus zu ziehen: mehr individuelle Förderung, weniger Stofffülle, bessere Vorbereitung auf das Abitur.
Die SPD-Landtagsfraktion setzt sich für ein „Gymnasium der zwei Geschwindigkeiten“ ein. Die Schülerinnen sollen künftig die Wahl haben, ob sie die Oberstufe in zwei Jahren mit 36 Wochenstunden oder drei Jahren mit 24 Wochenstunden absolvieren wollen. "Wir wollen den Schülern die Zeit geben, die sie zur Vorbereitung auf das Abitur brauchen", erklärte der Vorsitzende des Bildungsabschlusses im Bayerischen Landtag und bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfrakltion, Martin Güll, vor der Presse in München.
Das achtjährige Gymnasium muss neu aufgestellt werden. Es geht dabei nicht nur um die Oberstufe, in der flexibel auf die individuellen Lerngeschwindigkeiten der Schüler eingegangen werden soll. Wir wollen die Zahl der Pflichtstunden in Unter- und Mittelstufe auf 30 Wochenstunden reduzieren - ergänzt um zusätzliche Wochenstunden mit individueller Lernzeit.
Links zum Thema:
Vorbeugen statt heilen: G8 muss neu aufgestellt werden
G8: Die richtigen Reformen jetzt schnell umsetzen
Vorlage zur Pressekonferenz mit Martin Güll, MdL, Vorsitzender des Bildungsausschusses im Bayerischen Landtag und bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion,Montag, 2. Juli, 2012, Bayerischer Landtag, München
Ausgangslage:
- Kultusminister Spaenles G8-Monitoring ignoriert Erfahrungen der Abiturienten komplett (s. Anlage am Schluss)
- Beide Abiturjahrgänge (2011 und 2012) haben signifikant mehr bessere Ergebnisse, aber auch signifikant mehr Durchfaller als im G9
- Die Vorbereitung auf das Abitur ist deutlich mangelhaft (Anstieg der Durchfaller von 1 % im G9 auf 3,7 % im G8); kaum Möglichkeit zur Individualisierung.
- Die Heterogenität der Schülerschaft wird durch die steigenden Übertrittsquoten (Start G8 2004 bayernweit 34,6 %; 2010 knapp 42 %) noch deutlich zunehmen und die Ergebnisse noch mehr polarisieren; das Mittelfeld dünnt aus!
- Auffallend mehr junge Frauen als junge Männer gehören zu den Leistungsträgern des G8
Grundthesen:
- Das bayerische Gymnasium braucht keine Strukturdebatte, sondern eine grundlegende Inhaltsdebatte.
- Qualität des Unterrichts hängt von der Einzelschule ab, sprich v. a. von den Lehrkräften vor Ort.
- Die durch die steigenden Übertrittszahlen zunehmende Heterogenität in den Klassen und Lerngruppen erfordert verstärkt individuelle Lernzeiten
- Individuelle Lernzeit der Schüler braucht eine verlässliche und ausreichende Personalausstattung, um die notwendigen Schulentwicklungsprozesse nachhaltig in Gang setzen zu können.
Grundforderungen:
- Oberstufe muss zeitlich flexibilisiert werden („Gymnasium der 2 Geschwindigkeiten)
- Unter- und Mittelstufe muss entlastet und pädagogisch neu aufgestellt werden
Maßnahmen im Einzelnen:
Oberstufe:
Trotz höherer Wochenstundenzahl in der Unter- und Mittelstufe im Vergleich zum G9 sind die Abiturienten nicht ausreichend auf die Abiturprüfung vorbereitet. Die Zahl der Durchfaller in den schriftlichen Prüfungen ist sehr hoch (z.T. 10 % und mehr), die Durchfallerquote ist insgesamt mit 3,7 % deutlich höher als im G9 (1 %). Es liegt der Schluss nahe, dass eine effektive Abiturprüfung wesentlich von einer gut gestalteten Oberstufe (Qualifikationsphase) abhängt.
Deshalb:
- Angebot einer flexiblen Vorbereitungszeit schaffen. Konkret können die für die Oberstufe verbleibenden 72 Wochenstunden (Unter- und Mittelstufe 193) auf zwei oder drei Jahre verteilt werden (KMK-Vorgabe 265 Wochenstunden).
- Rechnerisch wählt der Oberstufenschüler zwischen zwei Jahren mit verbindlichen 36 Wochenstunden pro Jahr und drei Jahren mit 24 Wochenstunden pro Jahr. Bei einer dreijährigen Vorbereitungszeit entsteht erheblich mehr Spielraum, individuelle Schwächen ausgleichen zu können und damit optimal auf die Prüfung vorbereitet zu sein.
- Dazu muss der Unterrichtsstoff in Pflicht, Wahl- und Zusatzkursen modularisiert werden.
- Die Regelung der Kultusministerkonferenz (KMK, Qualifikationsstufe dauert zwei Jahre) muss angepasst werden.
- Das selbstgesteuerte Lernen (eingeführt in der Unter- und Mittelstufe) wird zur prägenden Unterrichtsform und überträgt den Oberstufenschülern die altersgemäße Verantwortlichkeit für ihr selbst gewähltes Ziel „Abitur“.
- Altersgemäß ist die Belastung in der zweijährigen Form zumutbar. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass in den 36 Wochenstunden individuelle Lern- und Vernetzungszeiten (Übungsphasen) einberechnet sind.
Unter- und Mittelstufe:
- Reduzierung der Pflichtstunden grundsätzlich auf 30 Wochenstunden (vgl. G9)
- Dazu insgesamt individuelle Lernzeit in Form von 13 Wochenstunden flexibel wählbar
- Individualisierung des Unterrichts durch selbstgesteuertes Lernen (neue pädagogische Ausrichtung). Beispiel: Gymnasium Oettingen
- Einführung des Doppelstundenprinzips, um die Zahl der Fächer pro Tag zu reduzieren
- Ausbau zu rhythmisierten Ganztagsschulen
- Durch exemplarisches Lernen wird der Verdichtung des Stoffes entgegengewirkt
Äußerungen von G8-AbsolventInnen (Namen geändert)
Marion: „Wieder einmal Argument Nr. 1, dass die Stoffmenge durch das fehlende letzte Jahr nicht zu bewältigen ist. Uns fällt das aber vor allem dadurch auf, dass es ganz den Lehrern überlassen ist, ob sie mit dem Lernstoff durchkommen oder nicht. Jedes Jahr gibt es wieder Fächer, in denen Grundlegendes vom Jahr zuvor vorausgesetzt wird. Dinge, die essentiell wichtig wären, aber gar nicht behandelt wurden. Somit fehlt den Schülern jegliche Basis und auch der Lehrer schafft es nicht bzw. lässt sich oft nicht einmal darauf ein, ein Teil des fehlenden Stoffes nachzuholen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich unsere Lehrkräfte nicht einmal absprechen, wieweit sie mit der letzten Klasse gekommen sind. Es fällt zum Großteil alles uns zu, die Lehrer scheint es nicht zu beschäftigen.“
Franz: „In Physik fliegt dieses Jahr alles durcheinander, und wir kommen von einem kurzen und komplett unverständlichen Exkurs über Einsteins Relativitätstheorie (die unser begrenztes Vorstellungsvermögen gnadenlos übersteigt!!) zu elektromagnetischen Schwingungen. Bei den Schwingungen wird dann irgendwo in der Mitte eingesetzt und auf die Frage, wie wir einen solchen Einstieg bewältigen sollen, erhalten wir nur die knappe Antwort, der Stoff basiere auf Grundwissen aus der 7./8. Klasse.“
Lisa: „In meinem Deutschkurs scheitern in Klausuren 70% an der Inhaltsangabe. Unser Lehrer hat dann recht verzweifelt bemerkt, dass wir diese doch schon vor Jahren (in der 6. Klasse) gelernt hätten und dass das G8 nicht am System, sondern am Lernunwillen der Schüler/innen scheitere. Dabei sieht er das eigentliche Problem nicht: eben dass wir all diese Sachen vor bis zu sechs Jahren gelernt haben und sie nach den Prüfungen sofort vergessen (oder verdrängen), um den Kopf für das nächste freizubekommen. Erst in den späteren Stufen wird es dann wieder in Prüfungen vorausgesetzt.“
Achim: „Als absolut unnötig erachte ich die Einführung der W- und P-Seminare. Es hieß, dass man damit nicht nur Projektarbeit stärkt, sondern auch unser Stundenpensum weiter ausfüllt, damit wir nicht zu wenig Wochenstunden vorzuweisen haben. In der Tat ist aber jeder von uns mehr als ausgelastet. Dass das P- und W-Seminar nicht nur vier Stunden pro Woche einfordert, sondern genauso wie jedes Hauptfach abgeprüft und bewertet wird, finde ich nicht tragbar.“
Miriam: „Ein täglicher Streitpunkt in unserer Klasse sind die Anforderungen der Lehrer, nämlich beispielsweise dass wir mindestens eine Stunde pro Tag der Mathematik widmen müssen und dementsprechend eine Stunde auch für jedes andere der vierzehn Fächer. Ich bin von den fünf Tagen an vier erst um kurz vor sechs zuhause, da wir erst um halb fünf aushaben. Ich schaffe es nicht, auch nur zehn Minuten täglich für jedes Fach aufzubringen. Und es kommt hinzu, dass es rein gar keine individuelle Förderung gibt. Für mich und einige andere aus dem Mathekurs, die momentan nicht nur punktetechnisch sehr bedenklich stehen, sondern auch so, dass das Abitur gefährdet ist, gab es trotz vieler Absprachen mit der Kursleitung keine Möglichkeit, einen Beitrag zu einer möglichen Verbesserung zu liefern.“
Robert: „Es wird verlangt, dass wir alles können, aber es bleibt keine Zeit diese riesige Stoffmenge zu vertiefen. Vor allem geht es in vielen Fächern - vor allem in den Naturwissenschaften, tief in Spezialthemen, die wohl die meisten in ihrem späteren Leben nicht mehr brauchen werden, und die eigentlich in ein Fachstudium gehören würden. Vor allem vermisse ich eine individuelle Unterstützung.













